Das Anthropozän
…und die Rolle des Designs
…und die Rolle des Designs

Azote for Stockholm Resilience Centre, based on analysis in Richardson et al 2023
Industrial civilisation is close to breaching a seventh planetary boundary (Ocean acidification), and may already have crossed it, according to scientists who have compiled the latest report on the state of the world’s life-support systems.
Die Atlantische Umwälzströmung ist eines der wichtigsten Zirkulationssysteme der Erde und für die milden Temperaturen in Europa von großer Bedeutung. Ihr Zusammenbruch hätte schwerwiegende Folgen.
AMOC ist eine Abkürzung für Atlantic Meridional Overturning Circulation (Nordatlantische Umwälzbewegung).

The term Anthropocene suggests that the Earth has now left its natural geological epoch, the present interglacial state called the Holocene. Human activities have become so pervasive and profound that they rival the great forces of Nature and are pushing the Earth into planetary terra incognita.
Steffen, Crutzen, McNeil 2008: The Anthropocene: Are Humans Now Overwhelming the Great Forces of Nature?
Der Beginn des Anthropozäns ist in den Wissenschaften noch umstritten. Paul Crutzen sah den Start am Anfang der Industriellen Revolution.
Viele andere Wissenschafler halten die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts für den Startpunkt. Zu diesem Zeitpunkt lassen sich dank der oberirdischen Kernwaffentests über dem ganzen Erdball radioaktive Spuren nachweisen.

Das Sonnensystem, Erde im „Goldilocks-Bereich“
Big History is an academic discipline which examines history from the Big Bang to the present. Big History resists specialization, and searches for universal patterns or trends. It examines long time frames using a multidisciplinary approach based on combining numerous disciplines from science and the humanities
Teawith Tsuki
Bekannte Forscher, die in diesem Bereich arbeiten und veröffentlichen sind z.B. J. R. McNeill, Daniel R. Headrick, Peter Frankopan oder Yuval Noah Harari (der vermutlich der bekannteste ist…)

These bacteria were the first geoengineers – large-scale manipulators of the planetary environment. […] Once the microbes had reconfigured atmospheric chemistry, they set about changing global temperatures.
Vor ca. 3 Milliarden Jahren entwickelten die Cyanobakteria die Fähigkeit, Photosynthese zu betreiben. Dadurch veränderten sie im Verlauf von vielen Millionen Jahren die Zusammensetzung der Meere, indem sie große Mengen von Sauerstoff hinzufügten. Dies führte zu einer ersten Umweltkatastrophe, weil für die bis dahin vorherrschenden Lebensformen (Archaea) Sauerstoff giftig war.
Dieser Sauerstoff sorgte auch dafür, dass das im Meerwasser gelöste Eisen oxidierte und auf den Meeresgrund absank. Erst dadurch steht uns Eisen als eines der wichtiges Ausgangsstoffe der Industrialisierung zur Verfügung.
Als die Meere mit Sauerstoff gesättigt waren, entkam Sauerstoff in die Atmosphäre und sorgte nach und nach für die Entstehung der Ozon-Schicht. Diese Schicht am obersten Rand unserer Atmosphäre hält seitdem die schädlichsten Strahlungen der Sonne fern und ermöglicht es, dass sich vor ca. 500 Millionen Jahren das Leben auch außerhalb der Ozeane ausbreiten konnte.
Cyanobakterien wurden im Laufe der Evolution in vielen Pflanzen via Symbiose integriert und sind nun eine wichtige Komponente von ca. 250 Tausend Pflanzenspezies.

Home Erectus (~2 Millionen Jahren, ~70.000 Generationen) war die erste Menschenform, die systematisch Feuer einsetze. Da ihre Zähne und Kaumuskulatur kleiner war als bei den Vorgängern, wird vermutet, dass sie das Feuer nutzten, um so ihre Nahrung leichter verdaulich zu machen.
Headrick: Humans versus Nature
Außerdem verschaffte der Umgang mit dem Feuer einen evolutionären Vorteil, so dass man hier zum ersten Mal von einer kulturellen Evolution sprechen kann, die eine biologische Evolution (größere Gehirnmasse) verursacht.
Eine kulturelle Evolution läuft bedeutend schneller ab als eine biologische Evolution! Siehe dazu auch Spektrum.de
Ausbreitung des Homo sapiens (rot) über die Erde; Abbildung von NordNordWest
Homo sapiens entwickelte sich vor ca. 350.000 Jahren (~12.000 Generationen) in Afrika – sie sind heutzutage die einzige Menschenart, die noch existiert. Diese neue Art von Menschen war kreativ, hatte eine große Vorstellungsgabe, verwendete Sprache und konnte in Symbolen denken. Anders als die Neandertaler (die sich ihrer Umwelt anpassten), passten sie die Umwelt von Anfang an ihren Bedürfnissen an.
Schwägerl: Anthropocene
Ihre Intelligenz war größer als sie zum Überleben brauchten, so dass sie häufig über das Ziel hinausschossen. Von Anfang an rotteten sie anderer Tiere aus und gefährdeten die Tragfähigkeit (Carrying capacity) ihre Umwelt.
Von allen Tieren unterscheidet sich homo sapiens darin, dass er so lange tötet, bis die jeweilige Spezies ausstirbt. Das gleiche gilt auch für den Umgang mit Ressourcen: Dort wurde von Anfang an mehr entnommen als für Überleben und Fortpflanzung nötig war.
Leider lässt sich ziemlich genau zeigen, zu welchem Zeitpunkt Homo Sapiens an welcher Stelle auf seinem Weg zur Eroberung der Erde angelangt war: Kurz nach seiner Ankunft starben große Teile der Mega-Fauna* aus…
* Als Megafauna wird der Anteil der Tiere bezeichnet, welcher in einem Habitat die körperlich größten Organismen stellt.

Yet the truly unique feature of our language is not its ability to transmit information about men and lions. Rather, it’s the ability to transmit information about things that do not exist at all. As far as we know, only Sapiens can talk about entire kinds of entities that they have never seen, touched or smelled.
Harari: A Brief History of Humankind
Die kognitive Revolution fand vor ca. 70.000 Jahren (~2.350 Generationen)statt. Zu diesem Zeitpunkt entwickelten unsere Vorfahren drei neue Fähigkeiten, die sie von allen anderen Menschen-Arten unterschieden und letztendlich dafür sorgten, dass nur noch unsere Art überlebt hat:
Beispiele für diese „collective fictions“ sind Geld, Menschenrechte, Gott. Die kooperierenden Gruppen können damit deutlich größer werden als vor der kognitiven Revolution und gemeinsam an einem Projekt arbeiten, ohne sich je ausgetauscht zu haben.

ein sehr lesenswertes Buch…
Weil unsere Vorfahren auf unterhaltsame, sinnstiftende Weise aus den Fehlern anderer lernten, ohne dabei zu sterben, haben Geschichten dazu beigetragen, die Evolution unserer Spezies massiv zu beschleunigen. Wir evolutionierten nicht nur vertikal, also durch die Weitergabe bestimmter Gene von einer Generation zur nächsten, sondern auch horizontal: durch die Weitergabe gewisser Informationen innerhalb einer Generation. Mit unseren Geschichten entstand ein Archiv des Überlebens, das durch Anekdoten veranschaulichte, wie das Überleben in einer gefährlichen Welt möglich war.
Ouassil und Karig: Erzählende Affen
Ich vermute, dass es uns auch heute nur gelingen wird, die Klimakrise und das Artensterben in den Griff zu bekommen, wenn wir uns auf ein gemeinsames Narrativ – und damit auf eine gemeinsame Vision – einigen können.
ungefähren Entstehungsgebiete der Landwirtschaft weltweit, Abbildung Joe Roe
Agricultural Revolution left farmers with lives generally more difficult and less satisfying than those of foragers. […] This revolution certainly enlarged the sum total of food at the disposal of humankind, but the extra food did not translate into a better diet or more leisure. Rather, it translated into population explosions and pampered elites. […] The Agricultural Revolution was history’s biggest fraud.
Harari: A Brief History of Humankind
Vor ca. 11.000 Jahren (~370 Generationen) begann das Holozän. Die Erwärmung der Erdoberfläche ermöglichte eine globale Expansion der Menschheit. Örtlich unabhängig voneinander gaben Menschen ihr Nomadentum auf, ließen sich in fruchtbaren Gegenden nieder und begannen mit Ackerbau und Landwirtschaft – dies wird als Neolithische Revolution bezeichnet. Die Revolution ereignete sich fast zeitgleich in Mesopotamien, in den Amerikas und in China.
Der Ackerbau hatte im Vergleich zur Jagd den großen Nachteil, dass es deutlich anstrengender und zeitintensiver war, ausreichend Kalorien zu bekommen. Die Bauern hatten deswegen deutlich weniger freie Zeit als die Jäger und Sammler. Sie waren trotzdem dazu bereit, weil es ihnen die Möglichkeit gab, Vorräte für schlechte Zeiten anzulegen.
Aus diesem Sicherheitsgefühl heraus bekamen sie mehr Nachwuchs. Was wiederum dazu führte, dass sie mehr Ertrag einbringen mussten – ein positiver Feedback-Loop, der bis zum heutigen Tag anhält.

Domestizierung heißt die bewusste Anpassung/Beschleunigung der Evolution von Pflanzen und Tieren durch menschengemachte Selektion.
Headrick: Humans versus Nature
Bewusst wurden die Tiere bei der Züchtung bevorzugt, die ein kindliches Aussehen (Kindchenschema) und auch kindliches Verhalten an den Tag legten, da diese einfacher zu beherrschen waren. Nach ein paar Generationen dieser Züchtungen hatten sich die Tiere schon verändert: Ihr Verhalten und Aussehen war kindlicher, sie hatten rundere Köpfe, kürzere Schnauzen – und kleinere Gehirne. Aggressive, männliche Tiere wurden kurzerhand kastriert.
Von den bekannten 200.000 wilden Pflanzen-Spezies eignen sich nur knapp einhundert, domestiziert zu werden. Den domestizierten Pflanzen wurden Eigenschaften angezüchtet, die für die Menschen nützlich sind: Große Samen, guter Geschmach, einfache Möglichkeit zu ernten.

Feuer kann sowohl konstruktiv als auch destruktiv eingesetzt werden. Es entwickelt eine Kraft, die weit über die menschlichen Fähigkeiten hinausgeht – und ist bis heute eines der wichtigsten Fundamente unseres Energieregimes.
Kupper, Melsted, Pallua: On Power
Der gezielte Umgang mit Feuer begann zwar vor ca. 800.000 Jahren (~27.000 Generationen), es musste aber mühsam aufbewahrt werden. Vaclav Smil spricht hier vom ersten Einsatz extrasomatischer (also nicht körpereigener) Energie, deren stetig steigender Einsatz im Lauf der menschlichen Entwicklung zu einer unglaublichen Gestaltungs- und Steuerungsmacht von uns Menschen geführt hat und ohne diese das Anthropozän nicht vorstellbar ist.

Durch die Sesshaftigkeit waren sie vom Erfolg ihrer eigenen Arbeit abhängig. Die Gefahr zu verhungern, war größer als bei Jägern und Sammlern, die auf eine breite Auswahl an Lebensmitteln zurückgreifen konnten.
Headrick: Humans versus Nature
Trotzdem wuchs die Bevölkerung, auch dadurch, dass bei Frauen durch die Kohlehydrate-reiche Ernährung der Eisprung nach einer Geburt deutlich früher einsetzte als bei Jäger- und Sammler-Frauen.
In dieser Zeit traten auch schon die ersten Zivilisations-Krankheiten auf, die wir bis heute kennen. Viele beruhen auf der körperlich stark belastenden Arbeit auf den Äckern, andere auf der einseitigen Ernährung. Auch spielte der enge Kontakt mit Nutz- und Haustieren eine entscheidende Rolle, so dass gehäuft Zoonosen auftraten.
Von der Sklaverei als schrecklichste Form der Domestizierung spreche ich an einer späteren Stelle!

Had nature remained in full control, Earth's climate would naturally have grown substantially cooler. Instead, greenhouse gases produced by humans caused a warming effect that counteracted most of the natural cooling. Humans had come to rival nature as a force in the climate system.
Headrick: Humans versus Nature
William F. Ruddiman stellt in seinem Buch „The Anthropogenic Greenhouse Era Began Thousands of Years ago“ die sehr interessante, aber unter Wissenschaftlern umstrittene These auf, dass wir Menschen durch das Abbrennen von Biomasse (CO2), das Halten von wiederkäuenden Nutztieren (Methan) sowie durch den großflächigen Anbau von Reis (Methan) schon seit Jahrtausenden das Klima beeinflusst haben – und dass sich dadurch das Holozän mit seinem gemäßigten Klima erklären lässt.
Das ist besonders deshalb bemerkenswert, weil sich das Klima „natürlicherweise“ gerade auf die nächste Eiszeit zubewegen würde…

Die Arbeitsteilung sorgte leider auch dafür, dass die Herrscher mehr Interesse daran hatten ihre (kurzfristigen) Einkünfte zu mehren als daran, nachhaltig mit den natürlichen Ressourcen umzugehen.
So sorgte in Mesopotamien der Abgabe-Druck auf die Bauern dafür, dass die Felder jedes Jahr bestellt wurden und damit die Versalzung nicht mehr verhindert wurde. Aus einem der fruchtbarsten Gegenden der Welt ist die Halbwüste entstanden, die wir bis heute dort kennen.
Headrick: Humans versus Nature
Die ersten Zivilisationen entstanden vor ca. 6.000 Jahren (~200 Generationen) an Flüssen, wo die Landwirtschaft weniger abhängig vom Regen waren.
Nil, Mesopotamien, Indus, Yellow River (China), Supe Valley (Süd-Amerika)

Schon um Christi Geburt (vor ~70 Generationen) veränderten die Menschen massiv ihre Umgebung – heute noch gut zu sehen z.B. in Griechenland, Spanien oder Italien
Headrick: Humans versus Nature
Nachdem Holz schon lange zum Bauen von Häusern, Schiffen und Werkzeugen verwendet wurde, kam um 2000 v. Chr. die Herstellung von Metallen hinzu. Dazu wurden gewaltige Mengen von Holzkohle sowohl beim Einschmelzen der Erze wie beim Schmieden der Metalle benötigt.
Hinzu kam das vermehrte Bauen mit Ziegeln, die ebenfalls bei der Herstellung Holz und Holzkohle benötigten.
Die abgeholzten Wälder sorgten für eine verstärkte Erosion und Austrocknung der Böden. Bei Regen wurde die Erde weggespült und landete als Schlick in den Flüssen, wo in zunehmenden Maßen die Flussmündungen versandeten, und Malaria-Sümpfe entstanden.

… the new agriculture did more than stimulate the economic development of medieval Europe; it also changed people's attitude toward nature.
Medieval Europeans came to see the natural world as a resource to be exploited and mechanical devices as a means of carrying out God's purpose: Once man had been part of nature; now he became her exploiter.
Headrick: Humans versus Nature
Um das 7. Jahrhundert n. Chr. (~44 Generationen) entstand im Norden Europas eine neue Pflug-Form, der Streichblechpflug. Dieser kam besser mit dem schweren Boden nördlicher der Alpen zurecht, benötigte aber bis zu acht Ochsen, um gezogen zu werden.
Zusätzlich wurden vermehrt mit Hufeisen beschlagene Pferde eingesetzt und die Dreifelderwirtschaft etablierte sich. Diese neuen Formen der Landwirtschaft sorgten für eine stark wachsende Bevölkerung – und eine veränderte Naturwahrnehmung.

Vor der historischen Reise von Christopher Columbus (1492, ~21 Generationen) lebten in den Amerikas schon ähnliche viele Menschen wie in Europa – Schätzungen liegen zwischen 43 und 72 Millionen.
Die amerikanischen Kontinente wurden nicht von den Europäern allein durch Waffengewalt erobert – die Krankheiten, die sie mitbrachten, halfen ihnen dabei. Daraus resultierte das schrecklichste Desaster, das die Menschheit jemals befallen hat.
Headrick: Humans versus Nature
Die amerikanische Urbevölkerung war – nachdem die Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska am Ende der letzten Eiszeit überflutet wurde – von vielen Krankheitserregern isoliert und konnte dagegen keine Immun-Abwehr aufbauen.
Auch wenn damals die Zusammenhänge zwischen Krankheit und Krankheitserregern noch nicht verstanden wurden, nutzen die Europäer ganz bewusst infizierte Materialien, um die einheimische Bevölkerung weiter zu dezimieren.
Mitte des 17. Jahrhunderts lebten nur noch zwischen vier und fünf Millionen Ureinwohner in den Amerikas – fast 95% der Bevölkerung waren ausgerottet.

In North and South America, forget the idea of land besprinkled with a few low-impact tribes of people.
The reason these people escaped our notice until recently is that few Europeans saw any of them. European-borne disease, especially smallpox, killed as many as 95 percent of people in the Americas in the first century or so after contact.
Marris: Rambunctious Garden
Diese Illusion war aber auch sehr praktisch, weil mal so ohne schlechtes Gewissen Ländereien in Besitz nehmen konnte…

More plants, animals, and pathogens have crossed the oceans in the five centuries since Columbus than in thousands of years before, thereby greatly accelerating the biological homogenization of the planet.
A comparatively small number of life forms migrated from the New World to the Old; and of these, only a few plants - maize, potatoes, tomatoes, cacao, and manioc - made a substantial difference to the land and peoples of the Eastern Hemisphere.
Headrick: Humans versus Nature
Gezielt aus der östlichen Hemisphäre eingeführte Pflanzen waren u.a. die Kaffeebohne, Reis und das Zuckerrohr. Bei den Tieren zählen zu den wohl erfolgreichsten Neuankömmlingen Pferd und Rind.

The discovery of America was the foundational event of the Scientific Revolution. It not only taught Europeans to favour present observations over past traditions, but the desire to conquer America also obliged Europeans to search for new knowledge at breakneck speed
Yuval Harari: A Brief History of Humankind
Harari vertritt die Theorie, dass die Entdeckung der amerikanischen Kontinente der Auslöser der Wissenschaftlichen Revolution gewesen sei.
Zwei gigantische Kontinente mit neuartigen Pflanzen, Tieren und Menschen, die in der Bibel nicht erwähnt wurden, lösten in Europa Zweifel daran aus, dass in der Heiligen Schrift tatsächlich alle Wahrheit zu finden sei.

The Scientific Revolution has not been a revolution of knowledge. It has been above all a revolution of ignorance. The great discovery that launched the Scientific Revolution was the discovery that humans do not know the answers to their most important questions.
Harari: A Brief History of Humankind
Vor der Wissenschaftlichen Revolution (Beginn ca. 1500, ~17 Generationen) ging die Menschheit davon aus, dass alles Wissen der Welt schon in den heiligen Schriften (Bibel, Koran…) vorhanden sei.
Auch glaubten die meisten menschlichen Kulturen bis zu dieser Wende nicht an den Fortschritt. Die goldenen Zeiten (das Paradies) lagen in der Vergangenheit und auf der Welt würde es immer weiter bergab gehen – bis zum jüngsten Gericht.
Die Vorstellung, dass die Menschheit sich selbst aus der Misere befreien könnte, erschien als absurd, warnten doch schon allgemein bekannte Geschichten (Turmbau zu Babel, Icarus…) vor der Hybris der Menschen.
Als zu Beginn des 17. Jahrhunderts Menschen (z.B. Giordano Bruno, Galileo Galilei) anfingen, die Wahrheiten in den heiligen Schriften zu hinterfragen und mittels Beobachtung und daraus getroffenen Schlussfolgerungen neues Wissen zu erlangen, wuchs auch der Optimismus, dass wir Menschen Herren unseres eigenen Schicksals sein und sogar als unlösbar geltende Probleme (Armut, Krankheiten…) selbst überwinden könnten.

The key factor was that the plant-seeking botanist and the colony-seeking naval officer shared a similar mindset. Both scientist and conqueror began by admitting ignorance – they both said, ‘I don’t know what’s out there.’ They both felt compelled to go out and make new discoveries. And they both hoped the new knowledge thus acquired would make them masters of the world.
Harari: A Brief History of Humankind
Von Anfang an bestanden die europäischen Expeditionen aus einer Kooperation aus Staatsmacht (die die Reisen finanzierten, häufig durch Kredite), dem Militär (das die Schiffe und Soldaten stellte) und den mitreisenden Wissenschaftlern (nur Männer)

Experiment von Shereen M
Die »Natur«-Wissenschaften sind nicht natürlich: Sie zerlegen die Natur, sie zerstören sie als gegebenes System, um ein künstliches System zu bilden, das – jetzt endlich – mathematisch genau sein wird.
Raúl Claro: Die Technosphäre
Bis zu Beginn der wissenschaftlichen Revolution blieb der Mensch – wie Raúl Claro es nannte – abhängig von der natürlichen Wirklichkeit. Um genau messbare, nachvollziehbare und wiederholbare wissenschaftliche Ergebnisse zu erzielen, musste in die Natur eingegriffen werden, um Systeme zu isolieren, zu säubern und zu vereinfachen.
Als Beispiel für diese Form der Vereinfachung der Realität führt Claro das Fallgesetz auf, bei dem zuerst ein künstliches Vakuum erzeugt werden muss, um das Experiment mathematisch genau durchführen zu können. Das Experiment wird zu einem Instrument, um die Wirklichkeit zu mathematisieren.
Schon sehr früh entwickelte sich die Mathematik als die „Sprache“, mit der sich perfekt die neu entdeckten Gesetzmäßigkeiten beschreiben ließen. Durch diese Abstraktion wird der Mensch als Beobachter aus seiner natürlichen Umgebung herausgenommen, das wissenschaftliche Gesetz wird zur „wahren Erkenntnis“. Zugleich ermöglichen die mit mathematischer Genauigkeit beschriebenen Bedingungen die Erkenntnis, wie etwas hergestellt wird – von anderen Menschen wiederhol- und nachvollziehbar.

Smith argued (1776, ~8 Generationen) that by giving everyone the freedom to produce and exchange goods as they pleased (free trade) and opening the markets up to domestic and foreign competition, people's natural self-interest would promote greater prosperity than could stringent government regulations.
Hayes: „Adam Smith and The Wealth of Nations“
Ohne die wissenschaftliche Revolution und den damit verbundenen „Zukunfts-Optimismus“ ist die Entwicklung des Kapitalismus unvorstellbar. Nur wer daran glaubt, dass es eine Zukunft gibt, in der wirtschaftliches Wachstum möglich ist, investiert in den Ausbau von Produktionsstädten oder gibt Geld für die Entwicklung neuer Produkte aus.
Er ging also davon aus, dass der Egoismus des einzelnen dafür sorgt, dass die Gemeinschaft als ganzes wohlhabender wird. Solange Menschen in das Wachstum ihrer Betriebe investieren und damit weiteren Menschen Arbeit verschaffen, mehrt sich das Wohlergehen aller. Die Reichen werden nach seiner Theorie somit zu den nützlichsten und wohltätigsten Mitgliedern der Gesellschaft – solange sie eben ihren Reichtum zielgerichtet ausgeben und nicht als Vermögen horten.
Die Auswüchse seiner Theorie sind aktuell bei vielen Börsen-notierten Unternehmen zu sehen, wo ein ungezügelter Kapitalismus zu einer extremem Wohlstandsschere zwischen Top-Management und der „normalen“ Arbeiterklasse geführt hat. So hat sich mittlerweile herausgestellt, dass ein ungezügelter Kapitalismus eben nicht alle Menschen mitnimmt – und gleichzeitig durch die Externalisierung von Kosten auch ein Treiber der globalen Erwärmung ist.

Black slave family on a Plantation in Mississippi von Wikipedia
Jeder, der schwarz ist und zum Sklaven wird, ist Eigentum seines Halters und verliert alle natürlichen Rechte. Seine Kinder und Kindeskinder werden ebenfalls Sklaven. Das ist ein völlig neues Konzept. Die Plantage und die Besitzsklaverei sind ökonomisch gesehen die wichtigsten Erfindungen der Neuzeit. Ohne sie gäbe es den Westen nicht.
Howard French: Afrika und die Entstehung der modernen Welt
Die ab dem 16. Jahrhundert ( ~17 Generationen) in den Kolonien zunehmend praktizierte Form der Sklaverei, bei der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts geschätzt 10 Millionen Menschen aus Afrika allein nach Amerika gebracht wurden, wurde nicht von Regierungen organisiert, sondern von den oben genannten Aktien-Gesellschaften, die auf diesem Weg – ganz im Sinne der freien Marktwirtschaft – ihre Gewinne optimierten.
Das Leiden der Menschen konnte dank der hohen Gewinne leicht ausgeblendet werden, häufig weil die Besitzer der Plantagen oder Mienen weit entfernt in Europa lebten und nur am Ertrag interessiert waren.
Howard French schildert auch, dass der Prozess der extremen Arbeitsteilung in den Zuckerplantagen der Karibik oder Brasiliens entwickelt wurde – und nicht wie in unseren Geschichtsbüchern behauptet, in den Spinnereien in Lancashire.

Industrial labor efficiency increased about 200-fold between 1750 and 1990, so that modern workers produce as much in a week as their eighteenth-century forbears did in four years. In the twentieth century alone, global industrial output grew 40-fold.
McNeill: Something New Under the Sun
In den Kohlebergwerken kamen ab 1800 (~7 Generationen) vermehrt Dampfmaschinen zum Einsatz, um aus den Schächten Wasser herauszupumpen. Die ersten Maschinen waren so ineffizient, dass sie nur direkt in den Bergwerken eingesetzt werden konnten, wo der Treibstoff unmittelbar zur Verfügung stand.
Im Einsatz der fossilen Brennstoffe zeigt sich – wie bei vielen menschlichen Erfindungen – eine typische Exponentialkurve: Erst wächst die Nutzung sehr langsam, bis sie plötzlich rasant ansteigt.
Vaclav Smil kommt dabei zum Ergebnis, dass die Nutzung fossiler Brennstoffe im Verlauf des 19. Jahrhunderts um das 60fache, im Verlauf des 20. Jahrhunderts um das 16fache und im Verlauf der letzten 220 Jahre insgesamt un rund den Faktor 1500 zugenommen hat.

It was as if people had been given a collective potion that harnessed the strength of millions of horses and workers in the form of black chunks of coal and viscous oil.
Schwägerl: Anthropocene: The Human Era and How It Shapes Our Planet
Für Paul Crutzen stellt dies den Anfangspunkt des Anthropozäns dar, weil die Menschheit plötzlich über ungeahnte Mengen von Energie verfügte und damit zu einer „wahren geologische Kraft“ wurden.

Bild von Guillaume Capron
Haben wir einen Zaubertrank wie Asterix und Obelix?
1 Liter Öl mit 10 kWh entspricht 100 h menschlicher Arbeit mit Dauerleistung.
… geht man von einem 8 Stunden Tag aus, muss mal also 12,5 Tage lang körperlich schwer arbeiten, um die Energie von 1 Liter Öl aufbringen …
Ein aktuelles, „sparsames“ Auto braucht ca. 5 l Öl, um 100km weit zu fahren – also 500 Stunden menschlicher Arbeit in Dauerleistung!

Los Angeles, the quintessential automobile city, devoted two-thirds of its land area to expressways, streets, parking lots, and other automobile-oriented uses, leaving one-third to houses, people, and nature.
Headrick: Humans versus Nature
Gerade am Auto kann man gut zeigen, wie ein disruptives Produkt umfangreiche Infrastruktur-Maßnahmen nach sich zieht: Als 1886 (~5 Generationen) das erste Benzinauto der Welt hergestellt wurde, funktionierte es nur bedingt auf der existierenden Straßen-Infrastruktur, die ja zu diesem Zeitpunkt für Pferdekutschen, Reiter und Fußgänger ausgelegt war.
Es konnte damals sein Potential noch nicht völlig entfalten, man konnte aber ahnen, was möglich wäre. Diese mit dem Produkt einhergehende Zukunftsvision veranlasste die Menschen dazu, gewaltige Infrastrukturmaßnahmen zu unternehmen, die wiederum dazu führten, dass immer mehr Autos verkauft wurden – die wiederum dafür sorgten, dass weitere Straßen, Parkplätze, autogerechte Städte usw. erbaut wurden – ein klassischer positiver Feedbackloop mit exponentiellem Wachstum.
Ein annähernd vergleichbares Produkt ist das Smartphone, das sich ebenfalls in kürzester Zeit durchgesetzt und eine gewaltige Infrastruktur-Nachrüstung erfordert hat.

We assess the scale and extent of the physical technosphere, defined here as the summed material output of the contemporary human enterprise. It includes active urban, agricultural and marine components, used to sustain energy and material flow for current human life […]. Preliminary estimates suggest a technosphere mass of approximately 30 trillion tonnes
… umgerechnet entspricht dies einer Last von 50 Kilogramm auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche – die Meeresoberflächen miteingeschlossen.

The overarching priority of economic growth was easily the most important idea of the twentieth century
Headrick: Humans versus Nature
Diese Ideologie des bedingungslosen ökonomischen Wachstums sollte dafür sorgen, die Lebensstandards der Einwohner eines Landes zu verbessern, die Schlagkraft des Militärs zu stärken und das ökonomische Ansehen der Nation in der Welt zu verbessern.
Zugleich war es ein Wettstreit zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Dazu setzte der Ostblock auf Fünf-Jahres-Pläne, während der Westen die Idee der Freien Marktwirtschaft verfolgte.
Beiden Systemen war gemeinsam, dass sie den Wachstums-Gedanken huldigten und Umweltbedenken missachteten. Die Meere, die Luft, die Wildnis und andere, nicht-menschliche Teile der Biosphäre wurden als Externalitäten bezeichnet, die schwer in monetären Werten abbildbar waren und deswegen einfach ignoriert wurden.

Kriegstechnologien und Produktionskapazitäten, die während des Weltkriegs entwickelt wurden, konnten vor allem in den Vereinigten Staaten schnell auf zivile Produkte umgestellt werden und sorgten für gigantische Wachstumsraten.
Während des Krieges entstandene Allianzen aus Regierung, Industrie und Universitäten sorgten auch in der Nachkriegszeit für viele technische Durchbrüche und entsprechende Innovationsschübe im ständig wachsenden Konsummarkt.
Steffen, Crutzen, und McNeill: „The Anthropocene“

The pressure on the global environment from this burgeoning human enterprise is intensifying sharply. Over the past 50 years, humans have changed the world's ecosystems more rapidly and extensively than in any other comparable period in human history.
Steffen, Crutzen, und McNeill: „The Anthropocene“
In den letzten 50 Jahren hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt, die Weltwirtschaft wuchs im gleichen Zeitraum um das 15fache und die Anzahl motorisierter Fahrzeuge nahm im gleichen Zeitraum von 40 Millionen im Jahr 1945 auf fast 700 Millionen im Jahr 1996 zu.
Ab 1950 erhöhten sich auch in der Atmosphäre die C02 Konzentrationen signifikant, fast drei Viertel dieses von Menschen bisher verursachten Klimagases wurde ab 1950 emittiert.


Steffen et al: The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration)

Residential garbage trucks dumping a load in Savage, Minnesota, USA von Redwin Law
Global population has surged from approximately 2.5 billion in 1950 to nearly 8 billion by 2021, and the urban population has increased from 29% in 1950 to around 56% in 2021.

The preferred policy solution after 1950 was yet faster economic growth and rising living standards: if we can all consume more than we used to and expect to consume still more in the years to come, it is far easier to accept the anxieties of constant change and the inequalities of the moment.
McNeill: Something New Under the Sun
Unsere heutige Gesellschaft im globalen Norden beruht darauf, dass uns stets billige Energie zur Verfügung steht. Egal ob man sich die industrialisierte Landwirtschaft, die örtliche Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz, die weltumspannende Produktion von Industrieprodukten oder auch unser Urlaubsverhalten ansieht – überall sind wir abhängig davon, dass uns die (fossile) Energie nicht ausgeht.
Kein anderes Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit kann es beim Energieverbrauch mit dem 20. Jahrhundert aufnehmen: In diesem einen Jahrhundert haben wir mehr Energie eingesetzt als in der gesamten Menschheitsgeschichte davor.

If assessed on palaeontological criteria, technofossil diversity already exceeds known estimates of biological diversity as measured by richness, far exceeds recognized fossil diversity, and may exceed total biological diversity through Earth’s history.
Zalasiewicz u. a.: „Scale and Diversity of the Physical Technosphere“
Die in dem Artikel als „Technofossile“ bezeichneten, von Menschen (und Maschinen) erzeugten Produkte übertreffen heute schon in ihrer Vielfalt die Biodiversität (Artenvielfalt) alles Lebens, das bisher auf der Erde gelebt hat

So »besiedeln« die Maschinen die Erde ständig weiter, verbinden sich gegenseitig und übernehmen eine immer größere Rolle im Leben der menschlichen Gesellschaften. Dies beschleunigt ihre Vermehrung, ihre quantitative und qualitative Entwicklung, ihre Vervollkommnung und die zunehmende Dichte ihrer gegenseitigen Verflochtenheit.
Claro: Die Technosphäre
Bei jedem Wechsel der Mobilfunk-Generation steigert sich zwar die Übertragungsgeschwindigkeit, gleichzeitig muss jedoch die Infrastruktur erneuert und häufig engmaschiger aufgestellt werden, so dass sich wiederum die „Maschinenkette“ noch stärker vernetzt.
Wer kennt Elon Musks Hyperloop?

Calling them engineers and designers is arguably too much credit for the work they do, as they merely sketch up the next razor model of which one can already predict the ‘innovative’ new properties: it will be a slight variation on the current model with some added nanotech-sharpened blade, an extra moister strip, an anti-slip grip or perhaps even a custom customizable color scheme.
Unter Gestalter:innen wird diese Form des Designs gerne auch als „Styling“ bezeichnet – es kommt überall dort zum Einsatz, wo der Markt schon gesättigt ist (Elektroprodukte, Möbel. Leuchten, Autos…)

Abriss von Afra Shmidt
Beton verkörpert die kapitalistische Logik und stellt die konkrete Seite der Warenabstraktion dar. Wie diese löscht er alle Unterschiede aus. Er hat die traditionellen Bauweisen verdrängt und alle Orte einander gleichgemacht. Beton verwandelt Gebäude in Waren und trägt so zu einer Welt bei, in der wir nicht mehr zu Hause sind.
Anselm Jappe: Beton
Jährlich werden fünf Milliarden Tonnen Beton weltweit hergestellt, fast für jeden Menschen auf der Erde ein Kubik-Meter davon – genug um Deutschland, Österreich und Teile der umgebenden Länder mit einer Zentimeter-dicken Schicht zuzudecken.

Autos sind die teuersten Massenprodukte, die wir kaufen können. Innerhalb von 120 Jahren zwischen der Erfindung des Autos im Jahr 1886 und dem Jahr 2015 stieg die Anzahl auf 1,3 Milliarden zugelassene Kraftfahrzeuge weltweit. Hintereinander gereiht sind das (bei einer durchschnittlichen Fahrzeuglänge von 5m) 6,5 Millionen Kilometer, gut 160mal rund um den Äquator.
McNeill: Something New Under the Sun
Zusammen mit Beton sind die Autos die größten Treiber der Technosphäre – mit schweren Konsequenzen für unser planetares System und die menschliche Gesundheit.

Im Sommer 1933 entwickeln Städteplaner und Architekten ein gemeinschaftliches Konzept für die Stadt der Zukunft: Die Charta von Athen. Sie ist vor allem eins: autogerecht. Auch der Wiederaufbau von westdeutschen Städten nach dem Zweiten Weltkrieg orientiert sich daran. Fortan wurden auch zahlreiche suburbane Satellitenstädte geplant.
Die Doktrin der autogerechten Stadt hat nach wie vor ihre Gültigkeit…

What happened after World War II was the transfer of the craving for movement from public to private transportation and the shifting taste in housing from urban apartments to suburban houses. The automobile was built into the landscape as well as into the culture.
Headrick: Humans versus Nature
Das Baumaterial des 20. Jahrhunderts ist Beton, das wie kein zweites Material für die Technosphäre steht und gemeinsam mit dem Auto zu einer weltweiten Urbanisierung und Zersiedelung (Urban Sprawl) geführt hat.
Schon 1990 benötigte der „Car Space“ (Straßen, Parkplätze, Tankstellen, Werkstätte…) in Nord Amerika, Europa und Japan 5 bis 10% der Landoberfläche.

1950 war der Planet Erde in der Lage, rund 890 Millionen Menschen adäquat zu ernähren; heute schafft er das für knapp über 8 Milliarden Menschen, was in absoluten Zahlen fast einer Verneunfachung entspricht!
Smil: Wie die Welt wirklich funktioniert (2023)
Um diese extrem hohe Zahl an Menschen ernähren zu können, sind wir aktuell unverzichtbar auf fossile Brennstoffe angewiesen. Diese Energieträger werden sowohl als Kraftstoffe für fast alle Agrarmaschinen genutzt, dienen aber auch für den Transport der Nahrungsmittel sowie für den Betrieb der Bewässerungspumpen. Weniger sichtbar ist deren Nutzung bei der Herstellung der Düngemittel, Pestizide und Abdeckfolien – hier werden jedoch sehr große Mengen an fossilen Brennstoffen benötigt!

There is greater certainty about the decline of biodiversity that human behaviour is driving, with species dying off as much as 1,000 times more frequently than before the arrival of humans 60m years ago.
Das heutige Massensterben ist eng mit der aktuellen Klimakatastrophe verbunden, erfährt aber weniger mediale Aufmerksamkeit.
Die COP15 hat vor 2 Jahren beschlossen, 30% unseres Planeten für die Natur zu reservieren. In Cali, Kolumbien fand jetzt gerade die COP16 statt. Dabei stellte sich heraus, dass viele Länder bei diesen Vorhaben noch keinerlei Fortschritt gemacht haben.
Siehe Bericht im Guardian

Earth Overshoot Day marks the date when humanity’s demand for ecological resources and services in a given year exceeds what Earth can regenerate in that year. We maintain this deficit by liquidating stocks of ecological resources and accumulating waste, primarily carbon dioxide in the atmosphere.
Dieses Jahr war das der 1. August!

In einer entwickelten Konsumgesellschaft werden nicht nur Güter als Waren produziert, sondern gleichzeitig wird auch der Versuch unternommen, die Bedürfnisse zu produzieren, die eine steigende Nachfrage nach den betreffenden Waren sichern. Psychostrukturell setzt dies Konsumenten voraus, die keine dauerhaften Bindungen an Güter entwickeln, sondern stets bereit sind, sogar gebrauchsfähige alte Güter durch neue zu ersetzen.
Haubl u. a.: Konsumkultur
Als Industrie-Designer:innen verdienen wir teilweise unser Geld damit, Variationen existierender Produkte zu entwickeln und damit den Konsum zu beschleunigen.

Geplante Obsoleszenz (auch: geplanter Verschleiß) ist eine Marketingstrategie, bei der das vorzeitige Veralten eines Produktes (Obsoleszenz) vom Hersteller geplant und konzeptionell vorgesehen ist.
Besonders drastisch drückt es Bernhard London in seinem Artikel „Ending the Depression Through Planned Obsolescence“ von 1932 aus, in dem er sogar vorschlägt, dass die amerikanische Regierung überwachen soll, ob die „veralteten“ Produkte tatsächlich an Sammelstellen zurückgegeben und vernichtet wurden:
"People everywhere are today disobeying the law of obsolescence. They are using their old cars, their old tires, their old radios and their old clothing much longer than statisticians had expected on the basis of earlier experience. The question before the American people is whether they want to risk their future on such continued planless, haphazard, fickle attitudes of owners of ships and shoes and sealing wax."
Siehe: Bernhard London, Ending the Depression Through Planned Obsolescence

Ästhetisch-kulturelle Obsoleszenz bedeutet Vermarktung von Waren, an denen in regelmäßigen Abständen modische Änderungen vorgenommen werden
Zusätzlich verliert ein Produkt nach dem Erscheinen das Nachfolgemodells seinen Prestigenutzen – sozialen Obsoleszenz.
Auch das ist ein klassisches Arbeitsfeld von Industrie-Designer:innen…
…in Ansätzen schon sichtbar…

Assisted Migration von Waldrappen, Süddeutsche Zeitung
Humankind will remain a major geological force for many millennia, maybe millions of years, to come. To develop a universally accepted strategy to ensure the sustainability of Earth's life support system against human-induced stresses is one of the greatest research and policy challenges ever to confront humanity. Can humanity meet this challenge?
Steffen, Crutzen, und McNeill: „The Anthropocene“
Steffen, Crutzen und McNeil gingen in ihrem Artikel „The Anthropocene: Are Humans Now Overwhelming the Great Forces of Nature“ 2007 davon aus, dass die Menschheit schon ca. 2015 die Phase der „Great Acceleration“ beenden und in die Phase des „Stewardships“ wechseln würde. Bekannterweise ist dieser Wechsel leider immer noch nicht eingetreten…
Der englische Begriff „Stewardship“ lässt sich im Deutschen nur unzureichend als „Verantwortungsbewusstsein“ übersetzen, ich würde im Deutschen in diesem Zusammenhang vielleicht das Word „Patenschaft“ verwenden.

Städte gehörten nie nur den Menschen, auch Tiere waren immer schon Stadtbewohner. Parks, Friedhöfe, Brachen, überwachsene Bauruinen, Baustellen und die buchstäblich vielschichtige Stadtarchitektur selbst bieten vielen Spezies gute Lebensbedingungen.
Gleichzeitig verursacht die Verstädterung seit Beginn der Moderne einen Großteil des Ressourcen- und Flächenverbrauchs, der wesentlich zum Klimawandel und zum Artensterben beiträgt. Bei der Suche nach Auswegen aus der ökologischen Krise kommen wir daher an der zentralen und gleichzeitig ambivalenten Rolle von Städten nicht vorbei.
Wir müssen lernen, mit der uns umgebenden Flora und Fauna in Frieden zusammenzuleben!

Elstern-Nest, u.a. aus Vogelabwehrnadeln von Auke-Florian Hiemstra
We are already running the whole Earth, whether we admit it or not. To run it consciously and effectively, we must admit our role and even embrace it. We must temper our romantic notion of untrammeled wilderness and find room next to it for the more nuanced notion of a global, half-wild rambunctious garden, tended by us.
Marris: Rambunctious Garden
Christian Schwägerls* Auslassung über das „Invironment“ hat die Wahrnehmungen der uns umgebenden Umwelt deutlich verändert. Bis dahin war ich – wie vermutlich viele andere Menschen auch – auf der Suche nach der perfekten, unberührten Natur, die wie eine Fata Morgana immer nur am Horizont erahnbar, aber nie erreichbar war.
Sein Bucheintrag zum „Invironment“ öffnete mir die Augen dafür, dass wir umgeben von Natur und eingebettet in Natur sind. Der entscheidende Punkt ist die innere Bereitschaft, die heutige Natur als das zu akzeptieren, was sie ist: Ein Lebensraum, der Großteils von Tieren, Pflanzen und Menschen gemeinsam geschaffen wurde.
* Schwägerl, Anthropocene: The Human Era and How It Shapes Our Planet, 106

The moment has come, especially for those living in wealthy nations, to recognise a disturbing truth: that we have colonised the future. We treat the future like a distant colonial outpost devoid of people, where we can freely dump ecological degradation, technological risk and nuclear waste, and which we can plunder as we please.
Roman Krznaric: The Good Ancestor
Interessanterweise gehen wir immer davon aus, dass unsere Nachfahren technologisch versierter sein werden als wir es sind – und wir ihnen deshalb von uns ungelöste Probleme (Atommüll, Erderwärmung, Artensterben…) überlassen können.
Was wäre, wenn das nicht der Fall ist?


Clock of the Long Now
But empathy in space has not been matched by empathy in time. If anything, empathy for people to come has decreased. We seem trapped in the Short Now. The present generation enjoys the greatest power in history, but it appears to have the shortest vision in history. That combination is lethal.

When it comes to our personal time horizons, our future selves often come second place to the immediate pleasures of the present. We typically prefer a smaller, sooner reward rather than a larger, later one – a phenomenon known as hyperbolic discounting*
Krznaric nutzt die Metapher von Acorn (Eichel) und Marshmallow um aufzuzeigen, dass wir zu beidem fähig sind: Auf kurzfristige Befriedigung (Marshmallow essen) zu setzen oder langfristige Ziele (Eiche pflanzen) zu verfolgen.
Evolutionsbiologen vermuten, dass unsere Fixierung auf kurzfristige Befriedigung von Bedürfnissen in einer Zeit entstand, als Nahrungsmittel knapp und das eigene Leben ständig gefährdet war.
* hyperbolic discounting: Bei zwei ähnlichen Belohnungen bevorzugen Menschen diejenige, die schneller eintrifft. Man sagt, dass Menschen den Wert der späteren Belohnung um einen Faktor abziehen, der mit der Länge der Verzögerung zunimmt. → Wikipedia

Benedikt Groß, Eileen Mandir: Zukünfte gestalten
Aktuelle Hirnforschung vermutet, dass wir die einzigen Tiere sind, die die Fähigkeit entwickelt haben, uns verschiedene Zukünfte (und Wege dorthin) vorzustellen. Pläne machen, potenzielle Gefahren abwägen, Entscheidungen treffen sind zentrale Funktionen unseres Gehirns.
Krznaric: The Good Ancestor
Es wäre wünschenswert, wenn die Fähigkeit, sich alternative Zukünfte vorstellen zu können, schon in der Schule trainiert würde.

Der Breakdown-Pfad ist das „Business-as-usual“, bei dem wir unfähig sind, den eingeschlagenen Wachstums-Pfad zu verlassen und damit in relativ kurzer Zeit gefährliche Klima-Kipppunkte überschreiten. Hungersnöte, massenhafte Flüchtlingsströme und Verteilungskriege wären die Folge.
Der Reform-Pfad ist nach Ansicht Krznaric der wahrscheinlichste, bei dem wir mit der Hoffnung auf „Green Growth“ oder „Reinventing Capitalism“ hauptsächlich an den Symptomen (Verbrenner-Autos…) arbeiten ohne die eigentlichen Ursachen zu bekämpfen. Damit schaffen wir es jedoch nur, den Zusammenbruch unserer Zivilisation (mit all ihren Problemen und Ungerechtigkeiten) um ein paar Jahrzehnte herauszuschieben.
Der dritte und aus Sicht Krznaric einzig wünschenswerte Pfad ist der Transformation-Pfad:
This book aspires to a Transformation path that I have described as a long now civilisation. Its ambition is to safeguard and promote conditions to allow the flourishing of life on earth for the generations to come, based on a deeply embedded ethos of long-term thinking. It is a world where the old institutions of representative democracy and growth-dependent economics lose their dominant position and are replaced by the new political, economic and cultural forms.

Earth Centered Design Ausstellung, MCBW'24
Social utopias have helped to reframe the human story, offering fresh pathways along which our imaginations can travel and creating beacons of hope for radically transforming the future.
Krznaric: The Good Ancestor
Das Ausgestalten, Visualisieren, Weiterentwickeln dieser Utopien ist meiner Meinung nach eines der wichtigsten Aufgabenfelder von Gestalter:innen. Durch die gestalterische Beschäftigung mit einer Utopie, die für alle Menschen, Tieren und Pflanzen eine positive Vision hat, entwickelt sich das Arbeitsfeld im Design zunehmend vom Human Centered Design zu einem Planet Centered Design


Transformation by design, not by disaster!